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Wednesday, September 10, 2008

Udo Jürgens - Einfach Ich (2008)



Die musikalische Selbstbekenntnis eines Musikmaniacs und Traumtänzers

Es soll ja Ewiggestrige geben, die Udo Jürgens noch immer in die Schlagerschublade stecken wollen. Im allgemeinen ist aber bekannt, dass dem Musiker, Komponisten und Entertainer, der seine Lieder am liebsten selbst am Klavier begleitet, im deutschsprachigen Raum ein Sonderstatus zukommt. Udo Jürgens darf für sich in Anspruch nehmen, der wohl wichtigste Wegbereiter des „deutsche Chansons“ mit Texten jenseits der Palmenstrand-Schüttelreim-Seeligkeit zu sein. Und was viele nicht wissen: Dank seinem Song-Repertoire mit Chartplatzierungen rund um den Globus steht ihm zweifellos auch ein Platz in der internationalen Topriege der Singer-Songwriter zu. Nun hat der Sänger mit Kultstatus sein aktuelles Album „Einfach ich“ mit 13 brandneuen Songs abgeliefert, die musikalisch unterstreichen, dass er seinem Stil nicht nur treu bleibt, sondern ihn auch immer selbstbewusster orchestriert. Diesmal mit auffallend vielen Liebesliedern, opulenter Nachdenklichkeit und einem satirischen Tanz auf dem Vulkan. Ganz Einfach Udo Jürgens eben!

Udo Jürgens könnte sich bequem auf das Ruhekissen seiner enormen Erfolgsbilanz hinfläzen. Aber genau das ist sein Ding nicht: Er will, nein er muss den künstlerischen Weg immer weiter beschreiten. Sein Leben ist die Musik und wie ein Schwamm saugt er gierig alles auf, was ihn im Alltag bewegt. Ob Frust, Freud oder Leid, alles fliesst irgendwie in seine Lieder ein. Seine Tage erfüllen sich mit der Suche nach immer neuen Melodien, Texten und Geschichten, die er mit schier unglaublicher Konstanz seit über fünf Jahrzehnten erfolgreich in seinem Schaffen umsetzt. Udo Jürgens ist 365 Tage im Jahr einfach er. Ein Ruheloser, der sich fit hält, um den Tag besser für seine Lebensaufgabe, die Musik nutzen zu können. Und ein emotionaler Romantiker, der sein Leben kompromisslos lebt und auch geniesst. Ohne Reue – immer Gentleman und Schwärmer der alten Schule. Ein dauerndes Auf und Ab, seelische Blessuren und Kollateralschäden inklusive. Ganz einfach Udo Jürgens eben. Und nun nach all den Jahren diese entwaffnende Selbstbekenntnis? Udo: „Obwohl ich mir schon tausende von Titeln überlegt und viele davon von ,hautnah’ bis ,Traumtänzer’ auch verwirklicht habe, wollte ich mir diese letzte Konsequenz der Ehrlichkeit noch nie leisten. Für meine Freunde war ich zwar schon immer nur einfach ich. Aber ich bin natürlich durch meinen Beruf verführt worden. Im Augenblick, wo ich in einem schwarzen Anzug eine Bühne betrete, oder wenn eine Kamera auf mich gerichtet ist, bemüht sich meine unmittelbare Umwelt darum, mein wahres Ich zu verbiegen und mir einen strahlenden Glanz zu verleihen. Oder einen Hoffnungsträger oder irgendetwas aus mir zu machen, dem ich gar nicht gerecht werden kann. Einerseits will ich ja meine Botschaft des Trostes schon weiter tragen und auch Hilfestellungen zur Lebensbewältigung geben. Andererseits will ich aber auch signalisieren, dass ich kein Guru bin, der so genau weiss, wo’s lang geht. Ich hoffe, dass es hilft, wenn ich meinem Publikum sage, ich bin auch ratlos, aber lasst uns den Weg gemeinsam gehen. Ich erhebe nicht den Anspruch der Weisheit, denn im Titelsong des Albums frage ich mich ja bereits am Anfang selbst, wer ich eigentlich bin. Ein Mensch, der wie ich die unwahrscheinliche Gnade und das Glück erfährt, dass er schon so lange Musik machen und immer noch auf ein derart riesiges Publikum zählen darf, wird ohnehin automatisch bescheiden. Oder er ist unglaublich dumm. Erwartet also nicht zu viel von mir, denn ich stehe auch in der Brandung des Lebens. Manchmal komme ich damit klar und manchmal nicht. Das ist alles, was ich mit diesem Album ausdrücken will.“

Liebesgrüsse von Abbey Road

Bei der Produktion des aktuellen Albums hat Udo Jürgens weder Kosten noch Mühe gescheut. Der grösste Teil der Songs wurden traditionsgemäss im Berliner Hansa Studio seines Koproduzenten Peter Wagner aufgenommen. Auch das ist typisch für den harmoniebedürftigen Teamplayer, der musikalisch am liebsten seinen langjährigen Weggefährten vertraut. Für drei Songs ist Udo aber eigens ins legendäre Londoner Abbey Road Studio gepilgert, wo ihm Michael Reed, neuer musikalischer Freund und Arrangeur des Musicals „Ich war noch niemals in New York“, mit dem renommierten London Musicians Orchestra zur Seite gestanden hat. Es ist bemerkenswert, dass dem Komponisten das Resultat seines Schaffens immer noch als Selbstbetrachtung zu dienen scheint: „Es ist mir beim Schreiben erst gar nicht aufgefallen, erst am Schluss habe ich mir gedacht, Donnerwetter, so viele Liebeslieder? Es ist eben ein Thema, das die Leute am meisten bewegt, deshalb bestehen die meisten Popalben ja ausschliesslich aus Liebesliedern. Aber ich habe immer auch eine zusätzliche Erkenntnis mit drin verpackt. Zum Beispiel die Liebe des Verzichtens, oder diejenige, die nur in der Erinnerung lebt oder die gescheitert ist. Tatsache ist: Die Liebe ist stärker als wir. Man wehrt sich zwar erfolgreich gegen sie, trotzdem erkennt man, dass man keine Chance hat, wenn sie in einen hineinrennt. So ist das Leben und das ist auch gut so. Das ganze Album habe ich im Hinblick auf die nächste Tournee kreiert, denn ich weiss heute, dass meine Lieder keine Chartqualitäten mehr haben müssen. In erster Linie achte ich darauf, dass sie live auf der Konzertbühne vor Publikum bestehen können. Deshalb fängt das Album auch wieder mit einer Fanfare an – ich habe eine Tradition daraus gemacht. Ich kann und will einfach nicht in der reduzierten Form des Liedermachers auf die Bühne kommen, nachdem ich immer wieder grosse Klangbilder vertreten habe.“

Kreativität durch die Anteilnahme

Immer auf der Suche nach sich selbst bleiben für Udo viele Rätsel offen: „Meine unbändige Sehnsucht nach den Dingen, die man gefühlsmässig sein möchte, wie man sich mitteilen möchte. Diese Sehnsucht ist unstillbar und diesen Weg gehe ich weiter. Darin finde ich mein wackliges Glück. Musik, Theater, Literatur – Der Kreis, in dem ich mich geistig bewege, ist mein Feld, das ich bestellen muss. Ich werde bestimmt noch zwei weitere Bücher schreiben. Die sind in meinem Kopf bereits vorhanden. Das ist für mich eminent wichtig, denn in den Liedern findet sich nur eine Kurzform des philosophischen Denkens. Wenn ich diese Gedanken vertiefen will, muss ich mich hinsetzen und darüber schreiben. Das geht nur auf dem literarischen Weg.“ Und wo wird ein Suchender wie Udo Jürgens von der Muse geküsst? „Der kreative Schub kommt am ehesten, wenn ich unterwegs bin. Ich bin nicht der Typ, der sich zurückzieht um zu schreiben und die Ideen ausschliesslich aus seinen vier Wänden saugt. Bei mir löst die Veränderung der Umgebung Erdrutsche des Denkens aus. Ich schiebe meine Kreativität durch die Anteilnahme am Leben an.“

Einige Anspieltipps

Unter den 15 Soundtracks findet sich wiederum eine breite Palette von Liedern in bester Udo-Manier. Da wechselt sich der poppig jazzige Titel „Völlig vernetzt“ über die Handy-Gesellschaft mit der nachdenklichen Elegie „Warum denken traurig macht“ in der Machart einer Hollywood-Filmromanze ab. Weitere Highlights: Das vorwärtsstürmende „Nur die Sieger steh’n im Licht“ über die medial geschürte Sehnsucht, nur einmal im Leben eine halbe Stunde berühmt zu sein. Oder das leise und sparsam instrumentierte „Nur ein Liebeslied“ mit dem Gitarristen Francis Coletta, der eingefleischten Fans als einfühlsamer Begleiter der Solotournee bekannt ist. Ein kleiner Digestif zwischendurch: Das rockige „Fehlbilanz“. Jazzig und rockig kommt auch die rotzfreche Nummer „Tanz auf dem Vulkan“ zum Thema Klimaveränderung daher. Udo: „Ich habe lange darüber nachgedacht, wie man sich diesem heiklen Thema nähern soll. Vor 20 Jahren konnten wir problemlos gesellschaftskritische Lieder bringen. Das war eine andere Zeit. Da konnte ich ein Lied wie ,5 Minuten vor 12’ als nachdenkliches, ruhiges Lied konzipieren. Wenn man heute die Klimaveränderung mit einem wehleidigen Lied beklagt, dann lachen die Leute und sagen ,schau dir den an, jetzt fängt der auch noch an mit dem Scheiss’. Ich habe bereits befürchtet, ich schaff das gar nicht mehr, bis ich die Idee mit dem satirischen Lied hatte.“ Mit grossem Orchester spielt auch „Stärker als wir“ auf, während „Letzte Ausfahrt Richtung Liebe“ mit Mundharmonika, Gitarre und Countryfeeling eher wie ein Roadmovie daherkommt. Kopfkino im Sensurround-Sound: Einfach ich – einfach zum hinhören! ~ By Thomas Weber ~

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01. Fanfare 2008 (Instrumental)
02. Einfach ich
03. Tanz auf dem Vulkan
04. Warum denken traurig macht
05. Nur die Sieger steh'n im Licht
06. Nur ein Liebeslied
07. Völlig vernetzt
08. Stärker als wir
09. Letzte Ausfahrt Richtung Liebe
10. Die unerfüllten Träume
11. Mit dir
12. Liebe will alles
13. Wo finde ich dich
14. Fehlbilanz (Version 2008)
15. Einfach ich (Instrumental)

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